- Prof. Dr. Monika Motsch - http://monikamotsch.de -

Das Lachen in der chinesischen Literatur


Zu Beginn meines Studiums schienen mir die Chinesen humorlos. Wir lasen die chinesischen Klassiker, die meist streng moralische Grundsätze vertraten. Aber als ich zum ersten Mal nach China fuhr, mit Chinesen Kontakt hatte, mit der chinesischen Kunst und Literatur vertrauter wurde, änderten sich meine Ansichten. Hier drei Beispiele aus der chinesischen Antike:

Dies ist in China die vielleicht früheste Darstellung eines lachenden Gesichts. Die Bronzemaske ist etwa 12 000 Jahre alt und wurde in der Nähe von Beijing gefunden. Allerdings enthält die Maske ein Geheimnis: Es ist umstritten, ob sie wirklich lächelt oder drohend die Zähne zeigt.

Der Lampenträger aus Bronze stammt aus der Zeit der Streitenden Reiche, ist also etwa 2500 Jahre alt. Hier ist kein Zweifel mehr möglich, die kleine Figur lächelt.

Die bemalte Tonfigur mit Trommel aus der Han-Dynastie wurde im Süden, in der Provinz Sichuan gefunden. Der Zwerg lacht, tanzt und erzählt vielleicht eine Geschichte zur Trommel, eine Tradition, die sich bis heute erhalten hat.
Vergleichen wir chinesische und westliche Vorstellungen über das Lachen gibt es neben Unterschieden auch erstaunlich viele Gemeinsamkeiten.


Als westliches „Urei“ des Lachens gilt die Geschichte des griechischen Philosophen Thales (625-545 v.Chr.) und der thrakischen Dienstmagd: Als der Philosoph konzentriert den Himmel betrachtete – er soll später eine Sonnenfinsternis vorhergesagt haben – fiel er in einen Brunnen, und die thrakische Magd lachte.

Westliche Philosophen, Gelehrte und Künstler haben zu Witz, Komik und Lachen die verschiedensten Theorien aufgestellt. Ich nenne stichwortartig nur einige der interessantesten: Plato war aus moralischen Gründen gegen das Lachen und führte es auf Neid zurück. (Philebos 48-50). Aristoteles war toleranter. Er definierte das Lachen zwar als „einen mit Häßlichkeit verbundenen Fehler“ – weil sich das Gesicht beim Lachen verzerrt – fand aber doch, daß es zur Entspannung erlaubt sei. (Nikomachische Ethik IV, 14, 11276f).

Laut Thomas Hobbes (1588-1679) drückt Lachen die Macht einer Person über eine andere aus:

(…) a sudden conception of some eminency in ourselves by comparison with the infirmity of others (…)
(Human Nature)

Auch der Russe M. Bachtin deutet das Lachen als Machtkampf. Aber jetzt lacht nicht der Mächtige über den Schwachen, sondern es ist umgekehrt: Der Clown lacht über den Herrscher. Für Bachtin ist Lachen Kritik und Subversion, ein rebellischer Karneval, der die Welt auf den Kopf stellt. (Literatur und Karneval 1968). Nach Kant ist das Lachen „ein Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts“ (Kritik der ästhetischen Urteilskraft), d.h. ein Mensch lacht, wenn die Wahrnehmung nicht mit der logischen Erwartung übereinstimmt.

Schopenhauer hat dies präzisiert: Das Lachen wird ausgelöst durch „die paradoxe und daher unerwartete Subsumption eines Gegenstandes unter einen ihm übrigens heterogenen Begriff“, also um „die Inkongruenz zu einem Begriff und dem durch denselben gedachten Gegenstand, also zwischen dem Abstrakten und dem Anschaulichen. (Die Welt als Wille und Vorstellung II, 99)

Der Franzose Henri Bergson deutet das Lachen als befreiende Auflehnung gegen die Erstarrung des Lebens, eine Vitalisation des Mechanischen (Le rire. Essay sur la signification du Comique, 1905). Freud glaubt, daß im Lachen Aggressionen freigesetzt und entladen werden. („Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten“)

So scheint im Westen das Phänomen – wie das Lächeln der Monalisa – bis heute in einen geheimnisvollen Schleier gehüllt.

Das chinesische Lachen hat bislang kaum Forscher angelockt. Ich möchte einige Schlüsselkonzepte darstellen und sie mit westlichen Ideen kontrastieren.

Etymologien und Definitionen: Lachender Bambus und lachende Blumen

Das Chinesische ist eine Sinnschrift, in der jedes Schriftzeichen ein bestimmtes Sinnelement, den Radikal enthält. In dem ältesten chinesischen Lexikon, dem Han-zeitlichen Shuowen jiezi, wird das Schriftzeichen „Lachen“ (xiao 笑) dem Radikal „Bambus“ 竹 zugeordnet. Warum aber der Bambus?Dazu die Tang-zeitliche Erklärung von Li Yangbing李阳冰:

Wenn der Wind in den Bambus fährt,
biegt sich sein Stamm wie ein Mensch, welcher lacht.

Das fantasievolle Bild vom „lachenden Bambus“ inspirierte zahlreiche chinesische Dichter.

In neuerer Zeit hat jedoch der Gelehrte Qian Zhongshu 钱锺书 (1910-1998) festgestellt, dass es sich hier vermutlich um eine falsche Etymologie handelt [1]

In der chinesischen Kanzleischrift (lishu 隶书) sind die Radikale „Bambus“ 竹und „Pflanze“ austauschbar. Die ursprüngliche Bedeutung des Zeichens „Lachen“ ist demnach nicht „lachender Bambus“, sondern „lachende Pflanze“ oder besser „lachende Blume“. Der Vergleich findet sich schon in indischen Texten und ist auch im Westen geläufig. In China wurde das Bild „lachender Blumen“ gern mit der verführerischen Ausstrahlung schöner Frauen assoziiert:

Das Schriftzeichen yao 妖verführerisch“ stellt eine Frau dar, die lacht. Die Bedeutung ist schillernd: Das Zeichen kann heiteren Charme ausdrücken, aber auch „dämonische Verführung“, die das Opfer ins Verderben lockt.

Schon in den frühesten chinesischen Quellen wie dem Yijing 易经 (Buch der Wandlungen) oder dem Shijing 诗经 (Buch der Lieder) erscheint das „Lachen“ in zwei gegensätzlichen Bedeutungen, als gut und böse, als „Freude“ und als „Hohn“. Im Deutschen gibt es dafür die Begriffe „Lachen“ und „Auslachen“.

Zum höhnischen, böswilligen Lachen entwickelten sich besonders viele literarische Bilder. In der Tang-Dynastie verwendeten Dichter wie Bai Juyi 白居易(772-846) und Li Yi 李毅 (748-827) das ausdrucksvolle Bild vom „Messer im Lachen“ (xiaozhong dao 笑中刀). In der Song-Zeit erfand man den „lachenden Tiger“ (xiaomian hu笑面虎), eine bis heute geläufige Charakterisierung „katzenfreundlicher“ Menschen. Ein frühes Zeugnis eines „tödlichen Lachens“ ist die Geschichte von der verführerischen kaiserlichen Konkubine Bao Sì 褒姒. (8.Jh.v. Chr.). Durch ihr Lachen ging das Reich zugrunde.

In der chinesischen Medizin erscheint das Lachen ebenfalls doppelgesichtig – bald heilsam, bald lebensgefährlich. So wird in einer historischen Biographie aus der Jin-Zeit (265-420) eine „Lachkrankheit“ (xiaoji 笑疾) beschrieben, die für den Patienten fast tödlich endet. (Dt. „sich totlachen“) Andererseits wird in dem Ming-zeitlichen Medizinklassiker Bencao gangmu 本草纲目von Li Shizhen 李时珍(1518-1593) ein „Lachpilz“ erwähnt, der – verzehrt man ihn – die Leute zum Lachen bringt und Vergiftungen heilt.

Charakteristisch für antike chinesische Definitionen und Darstellungen des Lachens ist eine gewisse gefährliche Vieldeutigkeit – wie sie auch die antike Bronze-Maske zeigte. Lachen kann natürliche Heiterkeit und sündige Verführung, Wohlwollen und verletzenden Spott ausdrücken. Sprichwörtlich wurde ein Ausspruch in einer Biographie der Tang-Dynastie, daß der Zornige leicht durchschaubar, aber der Lacher „unergründlich“ sei (xiaozhe bu ke ce 笑着不可测)

In der westlichen Literatur wird das Lachen ähnlich ambivalent und widersprüchlich definiert. Es kann den Gegner versöhnen, aber auch bis aufs Blut reizen. Es ist heilend und verletzend, Gift und Gegengift. So charakterisiert Robert Burton in The Anatomy of Melancholy das Lachen als ein Symptom fortgeschrittener Melancholie, aber auch als das beste Heilmittel dagegen. Psychologen und Verhaltensforscher führten das Phänomen auf das aggressive Zähneblecken der Affen zurück. Andererseits stellten amerikanische Mediziner des Lachforschungsinstituts der Stanford Universität die heilenden Kräfte des Lachens fest: Es mache den Körper widerstandsfähiger, da während der Lachphase die Zahl der vor Krankheitskeimen schützenden Killerzellen steige.

Konfuzius, Buddha und die Heiligen

Im Westen haben wir oft die Idee, daß Konfuzianer streng moralisch und humorlos waren. Das Gegenteil ist der Fall, jedenfalls was die frühesten Quellen angeht.[2]

Im Shijing (Buch der Lieder) und seinen konfuzianischen Kommentaren wird eine positive Haltung vertreten. Elegante Konfuzianer sollen nicht ständig ernst und würdevoll auftreten, sondern auch einmal lässig scherzend, allerdings ohne verletzend zu sein. So heißt es in einem Gedicht:

Großzügig und voll Weite
Fährt er prächtig im Wagen
Der Herr macht gern Spaß
Doch nicht beleidigend.

(Shijing Nr. 55,  诗经。淇奥qi‘ao。)

Dazu der Han-zeitliche Kommentar毛诗郑笺Maoshi Zhengjian von Zheng Xuan郑玄(127~200)

Ein konfuzianischer gentleman (junzi君子) besitzt die Tugend, einmal gespannt und einmal locker zu sein. Daher ist er nicht ständig ernst und feierlich, sondern macht manchmal auch Spaß.

Im gleichen Sinne betont das Lunyu, die Gespräche des Konfuzius (17,4 阳货 yanghuo), dass Konfuzius gern Scherze machte. So spottete er über eine allzu schrille Geigen- und Gesangsvorführung in einem Dorf:

Um ein Huhn zu schlachten, braucht es da ein Ochsenmesser?

Und als einer seiner Schüler Konfuzius deswegen kritisierte, meinte dieser gelassen:

Kinder, er hat ja recht, es war ein Scherz.

In den konfuzianischen Klassikern ist das Bemühen erkennbar, das Lachen zu mäßigen und in Bahnen zu lenken, die weder dem Einzelnen noch der Gesellschaft moralischen Schaden zufügen.

Ganz anders die Buddhisten und Daoisten: Nach einem buddhistischen Klassiker (Da zhi du lun 大智度论,第一四) zu schließen lacht Buddha unmäßig viel, nämlich gleich vierfach: mit Mund, Augen, dem ganzen Körper und allen Poren. Der daoistische Philosoph Zhuang Zi reagiert auf den Tod seiner Frau mit Heiterkeit und lautem Gesang – ein Protest gegen die starre konfuzianische Etikette und gleichzeitig eine Deutung des Todes als das Ende aller Leiden. In China ist das Gelächter geradezu zum Erkennungszeichen der Heiligen geworden. In Legenden lachen die Heiligen oft in Ekstase – Zeichen der Erleuchtung und Befreiung von weltlichen Fesseln.

Das Buddha-Bild wurde in Dunhuang an der Seidenstraße gefunden und stammt aus der Nördlichen Wei-Dynastie aus dem 5. Jh. n.Chr. Das geheimnisvolle Lächeln ist Zeichen der Erleuchtung

Der „Lachende Mönch mit Sack“ stammt von dem ekzentrischen Maler Liang Kai 梁楷der Südlichen Song-Dynastie.


Der buddhistische Mönch Shide

Das Bild zeigt Shide mit dem bekannten Tang-zeitlichen Dichter-Mönch Hanshan. Die beiden Freunde lebten zusammen in einem Tempel (Guoqingsi国清寺) im Tiantai-Gebirge. Nach dem Text zu schließen,  lachen die beiden „hahaha“ und „hehehe“

In China entwickelte sich eine besonders für Deutsche beneidenswerte Witzkultur, die auch um das Vulgäre und Schockierende keinen ängstlichen Bogen macht. Seit der Wei-Zeit (220-265) gab es eine eigene Sparte von „Lach-Büchern“, beginnend mit dem noch in Fragmenten erhaltenen Werk Wald des Lachens (Xiaolin 笑林), das von dem legendären Spaßmacher Handan Chun 邯郸淳verfasst sein soll. In der Sui-Dynastie (581-618) erschien das Qiyanlu 启颜录(Berichte zum Lächeln) von Hou Bai侯白, in der Ming-Dynastie Schatzhaus des Lachens (Xiaofu笑府) von Feng Menglong 冯梦龙(1574-1656) und viele andere. Des weiteren haben sich auch chinesische Gelehrte nicht gescheut, in ihren Werken mitunter spezielle „Lach-Kapitel“ einzurichten.

In der Bibel dagegen wurde Jesus niemals heiter und scherzend dargestellt. Dogma wurde das Urteil des Kirchenvaters Johannes Chrysostemos, Jesus habe nie gelacht. Im christlichen Mittelalter betrachtete man Lachen als Sünde. Statt sich zu freuen, sollten gläubige Christen lieber weinen und klagen über ihre Missetaten. In der Bibel wird Lachen und Scherzen missbilligt:

Lukas 6,25: Weh euch, die ihr hier lachet! denn ihr werdet weinen und heulen.Epheser 5, 3-4: Hurerei aber und alle Unreinigkeit oder Geiz lasset nicht von euch gesagt werden, wie den Heiligen zusteht, auch nicht schandbare Worte und Narrenteidinge oder Scherze, welche euch nicht ziemen, sondern vielmehr Danksagung.

Auch die christlichen Heiligen lachen nie, es sei denn im Martyrium, wenn sie über ihre ungläubigen Peiniger Hohn und Spott ausgießen.

Natürlich finden sich auch in der chinesischen Literatur genügend Beispiele für political correctness und moralischen Fanatismus. So heisst es von dem Song-zeitlichen Richter Bao Qingtian 包青天 (999-1062), sein Lachen habe der Klarheit des Gelben Flusses geglichen (xiao bi He qing 笑比河清). Das will sagen, daß er niemals lachte, da der Gelbe Fluss nie klar ist. Die Wendung wurde sprichwörtlich, ein Lob humorloser Unbestechlichkeit. In China gab es, wie überall auf der Welt, Zeiten und Situationen, wo Lachen lebensgefährlich war, z.B. in der Kulturrevolution.

Auch strenge Konfuzianer kritisierten mitunter Scherz und Lachen und wollten es verbieten. Aber in solchen Fällen diente die lächelnde Toleranz des Konfuzius nicht selten als Schutzschild. So verteidigte sich in der Tang-Zeit der berühmte Konfuzianer Han Yu (768-824) gegen diesbezügliche Kritik mit Zitaten aus den Klassikern:

Was mein Scherzen angeht, ist das nicht besser als sexuelle  Exzesse und alkoholische Ausschweifung? Wenn Du mich deswegen verspottest, so ist das, als würde man beim gemeinsamen Bad über die Nacktheit spotten (….)

Im Altertum machte Konfuzius Scherze. Und heisst es nicht im Buch der Lieder: „Der Herr macht gern Spaß/ Doch nicht beleidigend“. Und im Liji  (Buch der Riten) heisst es : „Wer nur angespannt ist, aber sich nicht entspannt, wird es weder im zivilen noch im militärischen Bereich zu etwas bringen“. Wie sollte das der Moral schaden?[3]

Ja, wie sollte das der Moral schaden? Durch das Vorbild von Konfuzius gab es im alten China auf diesem Gebiet nicht so viele Tabus wie im christlichen Abendland. Im Vergleich zum Abscheu der westlichen Kirchenväter gegenüber der Sünde des Lachens erscheinen die konfuzianischen, buddhistischen und daoistischen Auffassungen weltläufiger, vernünftiger und vor allem auch menschlicher.

Dichter und Schriftsteller

Die wichtigsten Entdeckungen über Scherz und Gelächter machten die chinesischen Künstler. Sie fanden heraus, dass das Lachen geheimnisvolle Kräfte besaß , daß es Angst, Krankheit, Unglück und sogar den Tod – zumindest zeitweise – bannen und besiegen konnte.

Ein berühmtes Beispiel ist ein Gedicht des Tang-Dichter Bai Juyi (772-846). Es hat auch mich schon in vielen Lebenslagen aufgemuntert (Duijiu wushou, Fünf Gedichte zum Wein, Nr. 2):

Was müht sich die Schnecke
             mit  ihren Hörnchen?

Das Leben verglimmt –
             ein Feuerfunke

Erfreuen wir uns!

Wer jetzt nicht laut lacht –
             ist ein Dummkopf hoch acht!

In dem Gedicht wird Lachen zu einer Lebensphilosophie. Es drückt Temperament und Kampfgeist aus, ein Lachen über die Schrecken Welt.

Es ist auch ein Lachen über sich selbst, über die eigenen Riesen-Mühen und Sorgen, welche – angesichts der Kürze des Lebens – lächerlich klein wie eine Schnecke sind.

Der Erzähler Pu Songling 蒲松龄

Niemand hat das Lachen so lebendig und vielfältig gestaltet wie Chinas wohl berühmtester Erzähler Pu Songling (1640-1715). Seine Geschichtensammlung Liaozhai zhiyi 聊斋志异 (Fremde Geschichten von Liaozhai)[4] stellt eine Synthese früherer Traditionen dar. Gleichzeitig gewinnt das Motiv durch ein Feuerwerk von Einfällen viele neue Gesichter und eine größere Tiefe.

Pu Songling war kein heiterer Lachkünstler wie Bai Juyi. Da er niemals die Beamtenexamen bestand, mußte er sich als Militär und Hauslehrer durchs Leben schlagen. Aber vielleicht gerade deshalb wurde für Pu Songling das Lachen zum kreativen Stimulans. In verschiedenen Geschichten wirken verführerisch lachende Blumen-Mädchen als Inspiration für Künstler.

Das Lachen in Pu Songlings Erzählungen ist einmal gesellschaftlicher Protest. Insbesondere richtet es sich gegen bestechliche Prüfer, die Pu Songling aus eigener schlimmer Erfahrung kannte. In der Erzählung „Prüfungsreform (“Siwenlang”司文郎, Rösel XII,1) ist die Hauptfigur ein Priester, der im Gegensatz zu den offiziellen Prüfern Prüfungsaufsätze gerecht beurteilt. Originellerweise liest er sie jedoch nicht, denn er ist blind, und Vorlesen würde ihn zu sehr ermüden. Stattdessen verbrennt er die Aufsätze und prüft ihren Geruch mit der Nase. Höhepunkt ist die Szene, als der Priester einen korrupten Prüfungsleiter und dessen Schützling allgemeinem Gelächter preisgibt:

„Ich bin zwar an den Augen blind, aber nicht an der Nase. Die Prüfungsleiter sind allesamt an der Nase blind“ (…)

Der Student verbrannte die Aufsätze, und bei jedem sagte der Priester, der sei es nicht. Als er zum sechsten kam, drehte sich der Priester plötzlich zur Wand, erbrach sich und furzte wie der Donner, so dass alle laut lachten.

Der Priester rieb sich die Augen und sagte zu dem Studenten: “Das ist wahrhaftig Ihr Lehrer! Anfangs wusste ich es nicht und habe den Geruch heftig eingesogen. Er hat mich in die Nase gestochen, verursachte Bauchschmerzen,welche die Blase nicht aushalten konnte, und ist direkt vom Unterkörper wieder ausgeschieden worden.

Lachen kann lebensgefährlich sein: Einem Mann wird von Räubern der Kopf abgeschlagen, heilt jedoch wieder an. Als ein Witzbold einen Scherz erzählt und der Mann laut lachen muss, fällt der Kopf unter Strömen von Blut herunter – makabre Illustration der tödlichen Kraft des Lachens. (Rösel III,22) In einer anderen Geschichte erhängt sich ein Mann, um einer Dame ein Lächeln zu entlocken. (Rösel III, 23) Grusel erzeugend auch die Szene, in der die blutige Leiche eines ermordeten Priesters nachts in einem Tempel lachend die Buddha-Statue umarmt. (Rösel XIV, 25)

Im Liaozhai ist das Lachen häufig wild, unmäßig und schockierend für profane Ohren. Heilige lachen in Ekstase. Weil es jenseits aller Konventionen ist, wird es von gewöhnlichen Menschen meist missverstanden oder abgelehnt. In einer Erzählung ist lautes Lachen Zeichen von literarischem Genie. Ein in seiner Jugend nur mäßig begabter Student wird nach einem Liebeserlebnis mit einer Füchsin in den Augen seiner Umgebung „verrückt“. Wenn man ihm ein Aufsatzthema stellt, sitzt er lange vor dem Papier, um plötzlich in lautes Lachen auszubrechen und dann einen glänzenden Aufsatz in einem Zug herunterzuschreiben. Bald jedoch gerät er an einen Prüfer, den sein lautes Lachen so irritiert, dass er ihn von der Kandidatenliste streicht. Darauf heisst es:

Seitdem stellte sich Leng (der Student) verrückt und ergab sich Dichtung und Wein. Er verfasste vier Bände “Entwürfe eines Verrückten”, die alles übertrafen, was man rezitieren konnte.

Ich sage dazu (Der Historiker des Fremden kommentiert): Wenn man die Tür schließt und lacht, ist das genauso wie die Erleuchtung der Buddhisten! Und wenn man aus lautem Lachen Literatur macht, ist das auch etwas Schönes. Wieso beendet das die Karriere? Ein solch autoritärer Beamter ist zu absurd!

Die Erzählung über das Mädchen “Yingning”婴宁 (Rösel, II,1) ist Pu Songlings wohl interessanteste Behandlung des Themas. Yingning ist aus der Liebesbeziehung eines Mannes mit einer Füchsin hervorgegangen. Charakteristisch ist ihr Lachen, das unwiderstehlich aus ihr hervorbricht, wie aus einer anderen “verrückten” Welt. Man hat festgestellt, daß Yingning auf über 40 verschiedene Arten kichert, lächelt und lacht.

Die Geschichte beginnt wie viele chinesische Liebesgeschichten: Während eines Festes erblickt ein junger Mann Yingning. Sie lacht, wirft ihm eine Blume zu – ein Echo der “lachenden Blume”. Danach wird der junge Mann krank vor Liebe. Es folgt eine lange, ungewöhnliche Suche, die halb Traum, halb Wirklichkeit zu sein scheint. Er findet Yingning schließlich auf einem Baum sitzend in einem paradiesischen Garten, wo sie zusammen mit einer alten Tante lebt.

Im Gegensatz zu den traditionellen Verführerinnen ist Yingning von seltener Naivität. Da sie sich bei den Annäherungsversuchen des jungen Mannes immer nur ausschütten muss vor Lachen und das Wort “Liebe” noch nicht kennt, erweist sich die Werbung als schwierig:

(Sie) “Natürlich liebt man sich unter Verwandten, das ist doch keine Frage!”

(Er) “Was ich Liebe nenne, ist nicht das Gefühl unter Verwandten, sondern die Liebe zwischen Mann und Frau!”

“Gibt es da einen Unterschied?”

“Nachts teilt man Kissen und Matte.”

Das Mädchen senkte den Kopf und dachte lange nach. Dann entschied es:  “Ich bin nicht gewohnt, mit Fremden zu schlafen.” (…)

Die Alte rief: “Das Essen ist schon lange gar! Was für Gespräche habt ihr denn geführt, dass es so ewig gedauert hat?”

Da sagte das Mädchen: “Der große Bruder wollte mit mir schlafen.”

Der junge Mann hat schließlich doch mit seiner Werbung Erfolg und bringt Yingning ins Haus seiner Eltern.

Diese sind häufig irritiert von ihrer kindischen Albernheit. Sogar die feierliche Hochzeitszeremonie muß abgebrochen werden, weil die Braut plötzlich ganz furchtbar lachen muß. Aber bald ist sie im ganzen Haus beliebt wegen dieses ihres Lachens, das alle in gute Laune versetzt und jeden Streit schlichtet.

Yingning hat auch eine andere dämonische Seite. Als der Nachbarssohn sie zu verführen versucht, ist es sein Verderben:

Eines Tages sah sie der Sohn des westlichen Nachbarn und starrte sie total verliebt an. Die junge Frau ergriff nicht die Flucht, sondern lachte nur. Der Nachbarssohn deutete dies dahin, dass sie ihm angehören wolle und entflammte noch mehr. Als sie lachend herabkletterte und dabei auf eine Stelle unterhalb der Mauer wies, glaubte er, sie zeige ihm den Ort für ein Stelldichein und war überglücklich.

Aber diesmal ist Yingnings Lachen tödlich. Als der Nachbarssohn abends zum Stelldichein kommt, schreit er beim Liebesakt plötzlich vor Schmerz auf. Er ist nicht in eine Frau eingedrungen, sondern in ein mit Wasser gefülltes Loch in einem hohlen Baum, in welchem ein großer Skorpion sitzt.

Nach dem Tod des jungen Mannes kann die Familie einen Prozess wegen Hexerei nur mit Mühe abwenden, und die Schwiegermutter macht dem Mädchen strenge Vorhaltungen. Seitdem ist Yingnings Lachen erstorben, eine traurige Verwandlung. Aber als ihr Kind geboren wird, hat es wie sie keine Scheu vor fremden Menschen und dasselbe Lachen.

Das Lachen in Pu Songlings Erzählungen kommt aus einer fremden, vor-zivilisatorischen, “barbarischen” Welt. Es richtet sich gegen bornierte Prüfer, die dem Genie im Weg stehen. Es richtet sich auch gegen steife Hochzeitsriten, gegen veraltete Sitten und Konventionen und lässt nur echte Gefühle gelten. Die natürliche Heiterkeit dieses Lachens wirkt heilend und schlichtet Streit. Sie wirkt aber auch als Sprengstoff, erregt Missfallen und kann sogar mörderisch sein. Im Konflikt mit der Gesellschaft erstirbt das Lachen. Aber es geht nie ganz unter, sondern lebt weiter in Kindern und in der Kunst.

。。。。。

Betrachten wir einmal das chinesische und westliche Lachen im globalen Vergleich, so gibt es recht unterschiedliche Entwicklungen. Im Westen haben sich seit Plato und Aristoteles alle namhaften Gelehrten des Themas angenommen. Kant, Schopenhauer und Nietzsche, Bergson, Freud, Friedrich-Georg Jünger und viele andere haben das Thema philosophisch, psychologisch, soziologisch, biologisch – von den verschiedensten Seiten beleuchtet. Dagegen nehmen sich die chinesischen Theorien wie der „lachende Bambus“ und das „gute“ und „böse“ Lachen bescheiden aus.

Auf der anderen Seite haben Konfuzianer, Daoisten und Buddhisten gegenüber dem Phänomen größere Toleranz bewiesen. Anders als im christlichen Mittelalter kam es in China zu keinem Lachverbot und zu keiner Tabuisierung des Lachens.

Bei allen gesellschaftlichen und kulturellen Verschiedenheiten gibt es auch Verwandtschaften. Diese finden sich besonders in Kunst und Literatur. Ein zentraler Berührungspunkt ist die Erkenntnis von Dichtern und Schriftstellern wie Bai Juyi und Pu Songling, daß das Lachen eine magische Waffe ist gegen die Ängste der Welt und die Ängste im eigenen Inneren.

In der westlichen Literatur gibt es dazu viele Parallelen: In Boccaccios Decamerone fliehen junge Männer und Frauen vor der Pest in Florenz und erzählen sich, um das Grauen zu bannen, heitere Geschichten.

In dem Roman Der Name der Rose von Umberto Eco wird als geheinmnisvoll rettende Wahrheit entdeckt, daß Jesus, anders als dies die Kirchenväter behaupteten, doch gelacht hat.

Und in dem Kinder- und Erwachsenenbuch Harry Potter lernen Harry und seine Mitschüler in der Zauberschule durch Lachen ihre Ängste zu bannen. Jeder beschwört zuerst sein schrecklichstes Angsphantom. Wenn dieses erscheint, wird es mit demZauberspruch „Riddikulus“ (lat. „lächerlich“) verwandelt in eine komische Figur, löst sich in Heiterkeit auf und explodiert.

Die Lach-Philosophie läßt sich zusammenfassen mit einem bekannten Ausspruch von Rabelais: „le rire est le propre de l`homme“ oder in der englischen Übersetzung von Robert Burton „To laugh is the proper passion of man“.

Das heißt: Erst Lachen – über die Welt und über sich selbst – macht den Menschen zum Menschen.

Betrachten wir noch einmal die früheste Darstellung des chinesischen Lachens, die rätselhafte Maske:

Augen und Mund scheinen zu lächeln. Aber andererseits zeigt die Maske drohend ihre Zähne. Ich möchte das so interpretieren: Die Maske zeigt die Zähne, weil Lachen ein Zeichen der Stärke ist, eine Waffe mit geheimnisvoll magischen Fähigkeiten. Wollen wir hoffen, daß uns allen dieses Lachen nicht vergeht und wir immer wieder die Kraft finden, über uns und die Welt zu lachen.


[1] Qian Zhongshu钱锺书, 钱钟书集 Qian Zhongshuji (Werke Qian Zhongshus,北京:三联书店Sanlian shudian 2001,Guanzhuibian管锥编 (Mit Bambusrohr und Ahle),(一)Bd. 1, 毛诗Maoshi 8, 花笑 huaxiao (Blumen lachen), pp.140-143.

[2] 钱锺书集 (Werke Qian Zhongshus),管锥编Guanzhuibian (Mit Bambusrohr und Ahle), (一)Bd. 1, 毛事,23 淇奥qi’ao, 23“君子“亦偶戏虐“ yi’ou xi‘nüe pp. 183-185.

[3]钱锺书集 (Werke Qian Zhongshus),管锥编Guanzhuibian (Mit Bambusrohr und Ahle), (一)Bd. 1, 毛事,23 淇奥qi’ao, 23“君子“亦偶戏虐“ yi’ou xi‘nüe pp. 183-185.

[4] Alle deutschen Zitate nach der Übersetzung von Rösel: Pu Song-ling, Deutsch von Gottfried Rösel, 5 Bde, Zürich: Die Waage 1987 – 1992.


Das Lachen in der chinesischen Kultur: Liste der Abbildungen

  1. Maske Bronze. Frühe Westliche Zhou-Periode
    (11.-10.Jh.v. Chr.). Fundort bei Beijing (Das Alte China, Nr. 52)
  2. Lampenträger
  3. Lampenträger Detail (Gesicht)
    Östliche Zhou-Periode, späte Zeit der Streitenden Reiche (4.Jh. v.Chr.) Bronze mit Lack und Silbereinlagen, Provinz Hebei (Das Alte China Nr. 65)
  4. Geschichtenerzähler mit Trommel
    Tonerde mit Bemalung. Östliche Han-Periode (25-220 n.Chr.), Provinz Sichuan (Das Alte China Nr. 110)
  5. Das Lexikon Shuowenjiezi 说文解字
  6. Buddha in Meditation
    Dunhuang, Höhle 259, Nördliche Wei Dynastie (439-534) (The Great Caves, S.21)
  7. Lachender Mönch.
    Liangkai梁楷: Mönch mit einem Sack, Song-Dynastie. Auf Seide gemalt. (Chinese Painting and Calligraphy, S.25)
  8. Shide 拾得mit Besen
  9. Shide mit Besen Detail (Gesicht)
  10. . Hanshan und Shide
    寒山拾得(Tang), Steinabreibung
  11. Bai Juyi白居易, Dui jiu wu shou对酒五首,
    Nr.2 (Fünf Gedichte zum Wein, Ged. Nr.2) Kalligraphie Teresa Chiao (Harbin, Trier)
  12. Maske Bronze (siehe Nr. 1)

Quellen

Das Alte China. Menschen und Götter im Reich der Mitte 5000 v.Chr. -220 n.Chr.,
Kulturstiftung Ruhr Essen, Villa Hügel (2. Juni 1995 – 5. November 1995)

Chinese Painting and Calligraphy. 5th century BC – AD 20th century, Beijing: Zhaohua chubanshe 1984. reprint 1995.

Dunhuang shiku敦煌石窟, The Great Caves of the Dunhuang Grottoes, Gansu Culture Publishing House 1998.