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Zwischen Indien und dem Westen: Neue Tendenzen chinesischer Übersetzungstheorie und Übersetzungspraxis

            In den chinesischen Medien erscheinen nicht selten Klagen, China würde vom Westen überrollt. Das oberste chinesische Sprachkomitee äußerte Besorgnis über den zunehmenden Einfluß westlicher Übersetzungen, die Wortschatz, Grammatik, Stil und Schrift des Chinesischen kontaminierten.

            Die Befürchtungen werden von einem Teil der Bevölkerung geteilt. In einem Pekinger Happening konnte man vor einigen Jahren zwei sich paarende Schweine bewundern, von denen das männliche mit westlichen Buchstaben, das weibliche mit chinesischen Schriftzeichen bedruckt war. Nach Meinung mancher Zuschauer, nicht jedoch des Künstlers, symbolisierte der Akt die Vergewaltigung der chinesischen Sprache durch die westliche.

            Wie ernst sind die Klagen über den Sprachverfall zu nehmen? Tatsächlich ist China einem Ansturm neuer Ideen ausgesetzt, die die Sprache tiefgreifend verändern. Beherrschten früher sozialistische Parolen das Alltagsleben, sind es jetzt Begriffe der westlichen Wirtschaft, des Rechts, der Technik, der Unterhaltungselektronik und der Reklame. Andererseits entwickeln sich neue Adaptionsmechanismen und sogar sprachschöpferische Fähigkeiten, die eine lange Tradition haben. Ich möchte dies zuerst an der Übersetzungstheorie und danach an der Übersetzungspraxis zeigen.

Übersetzungstheorie

            Vor der Öffnung nach Westen in den achtziger Jahren wurden die Richtlinien der Übersetzungstheorie von dem Staatlichen Übersetzungsbüro für die Werke des Marxismus-Leninismus bestimmt. Maßgebend war das Arbeitsresümee des Jahres 1954:

Die Übersetzungs- und Revisionsarbeit muß festhalten an der dialektischen Einheit der drei Prinzipien xin da ya 信达雅: treu, populär, elegant.

Der Oberbegriff war die Texttreue: Die Werke von Marx, Lenin, Engels und Stalin sollten in Geist und Stil ohne Auslassungen und Zusätze übertragen werden. „Popularität“ wurde definiert als eine Übersetzung in allgemein verständliches Chinesisch. Der Begriff „Eleganz“ blieb merkwürdig unklar. In Wirklichkeit handelt es sich hier um die klassische Eleganz der alten Schriftsprache. Diese wird zwar als feudalistischer Überrest abgelehnt, andererseits möchte man auf sie auch nicht völlig verzichten.

            Tatsächlich verwendete das Büro traditionelle Termini, die entwickelt wurden, als China sich dem indischen Buddhismus öffnete. Von der Han- bis zur Song-Zeit wurden nach einer ungefähren Schätzung 1482 Werke, 5702 Kapitel, insgesamt  46 Millionen Schriftzeichen aus dem Sanskrit ins Chinesische übertragen, eine der größten Übersetzerleistungen der chinesischen Geschichte, die erst im 20. Und 21. Jahrhundert übertroffen wurde.

            Gleichzeitig besann man sich wieder auf die traditionelle chinesische Übersetzungstheorie. Diese entstand in Zusammenarbeit mit indischen Mönchen, die schärfere sprachliche Unterscheidungskriterien mitbrachten als die Chinesen sie besaßen. Weil in den Kampfjahren der Kulturrevolution und danach alles Ausländische suspekt und die buddhistische Religion als Aberglaube bekämpft wurde, waren diese Theorien jahrzehntelang verschüttet.

            Ich möchte einige Hauptzüge herausgreifen und sie westlichen Konzepten gegenüberstellen. Vom 4. bis 8. Jahrhundert können wir drei Übersetzerschulen unterscheiden, die verschiedene Beiträge geleistet haben. Es sind die Schulen der “wortgetreuen Übersetzung” (zhiyi 直译, der „Eleganz“ (yiyi 意译) und der „Popularisierung“ (suyi 俗译).

            Die erste älteste ist die Schule der „wortgetreuen Übersetzung“, ihr Hauptvertreter war der Mönch Dao An 道安(315-385). Besonders seine Diskussion der „Fünf Fälschungen“ (wu shiben 五失本) ist überraschend klar und zukunftsweisend und übertrifft die Überlegungen anderer Übersetzer-Mönche.[1]

            Punkt 1 der „Fünf Fälschungen“ betrifft die Satzstellung, die bewirke, daß aus dem Sanskrit übersetzte Sätze im Chinesischen auf dem Kopf stünden. Man müsse die Stellung änderen, aber dies sei die erste Fälschung.

Punkt 2 betrifft den Stil. Dao An schreibt:

Die buddhistischen Schriften sind tief und einfach. Aber die Chinesen lieben einen schönen Stil. Wenn wir die Chinesen bekehren wollen … geht das nicht ohne die klassische chinesische Rhetorik. Das ist die zweite Fälschung.

Punkt 3-5 führen dies anhand von Kürzungen aus. Der indische Stil würde von Chinesen als zu weitschweifig empfunden. Klassische Kürzungen und Parallelismen seien notwendig, also weitere Textfälschungen.

            Dao An erkannte ein grundsätzliches übersetzerisches Dilemma: Entweder man hielt sich in Grammatik und Stil streng an das Sanskrit, dann konnte man in China keine Gläubigen gewinnen. Oder man verwandte die elegante chinesische Rhetorik, dann verfälschte man das Original. Es ist das gleiche unlösbare Übersetzungsproblem, das wir im Westen mit der „Schleiermachschen Alternative“ ausdrücken.

            Die zweite „Schule der Eleganz“ begründete der wohl berühmteste Übersetzer-Mönch, der Inder Kumarajiva 鸠摩罗什 (fl. 385-409), der selbst sehr gut Chinesisch sprach. Kumarajiva tadelte alle früheren Übersetzer wegen ihres Mangels an Bildung und Eleganz:  

Bei den Übersetzungen vom Sanskrit ins Chinesische fehlt meist die stilistische Eleganz … Das ist, als würde man seinen Gästen gekaute Speisen anbieten. Es ist nicht nur, daß der Geschmack fehlt, man muß sich auch vor Ekel übergeben.

Kumarajiva benutzte eine Vierschritt-Methode, die danach in China über Jahrhunderte Gültigkeit hatte: Zuerst rezitierte der indische Meister die Sutre in Sanskrit. Dann übersetzten Dolmetscher den Text mündlich ins Chinesische. Die verschiedenen Versionen wurden dann von Hunderten und manchmal Tausenden von Mönchen diskutiert. Zum Schluss wurde die Übersetzung ins Reine geschrieben.

Ein Bericht seines Schülers Hui Jiao 慧皎 (497-554) macht dies anschaulich.

Wir konsultierten eine frühere Übersetzung mit dem Satz: „Der Mensch sieht den Himmel. Der Himmel sieht den Mensch.“ Kumarajiva kritisierte: „Der Sinn des Sanskrit ist richtig, aber der Satz klingt zu bäurisch“. Ein Mönch schlug eine Version im klassischen Parallelstil vor: „Eine Kommunion von Mensch und Himmel, eine gegenseitige Spiegelung.“ Kumarajiva sagte erfreut: „Du hast es getroffen!“

Heutzutage werden die gleichen klassischen Parallelismen für die Übersetzung westlicher Produktwerbung in der Reklamesprache benutzt.

Weil Kumarajiva sich dem eleganten Geschmack der chinesischen Oberschicht anpasste, konnte er viele Gläubige gewinnen.

Die dritte Schule ist die der „Popularität“. Die Nachfolger des Kumarajiva richteten sich mit ihren Übersetzungen weniger an die Gebildeten als an das Volk, indem sie auch umgangssprachliche Wendungen und sogar Dialektausdrücke zuließen. Bei öffentlichen Missionsveranstaltungen rezitierte der Prediger zuerst den Sutren-Text in klassischem Chinesisch, gefolgt von einem volkstümlichen Kommentar in Umgangssprache und untermalt mit Musik, Theater und farbigen Bildern. (bianwen 变文,sujiang 俗讲)

            Ein Vergleich chinesischer und westlicher Übersetzungstheorien ergibt viele Berührungspunkte. Sogar die in diesem Zusammenhang gebrauchten Metaphern sind verwandt: Vergleichen die Chinesen Übersetzungen mit ausgespucktem Essen oder der blassen Rückseite eines Brokatteppichs, so gibt es im Westen die Vergleiche mit Wachsfiguren, gekochten Erdbeeren und ebenfalls der Rückseite eines Teppichs.

            Spezifisch chinesisch ist jedoch die Gegenüberstellung von ya 雅 „Eleganz“  und su 俗 „Popularität“ . Hierin spiegelt sich die chinesische Diglossie, das Nebeneinander von klassischer Schriftsprache und dialektgefärbter Gemeinsprache.

            Unterschiedlich ist auch der Verlauf der Übersetzungsgeschichte. Während im Chinesischen viele Jahrhunderte keine wesentlich neuen Entdeckungen gemacht wurden, entstanden im Westen linguistisch fundierte Übersetzungstheorien, die seit den achtiziger Jahren auch in China übernommen wurden. Werke von Eugene Nida, Paul Newmark, Wolfgang Wilss, Katharina Reiss erschienen auf Chinesisch. Man übernahm zahlreiche westliche Termini wie „Textlinguistik“ yupianxue 语篇学, „Äquivalenz“ duideng 对等, „Appellfunktion“ huanxing gongneng 唤醒功能。

Aufgrund der eigenständigen Leistungen der chinesischen Übersetzungstheorie ist es jedoch unwahrscheinlich, dass sie von westlichen Konzepten völlig verdrängt wird. Ein Grund liegt darin, daß die alten Übersetzungstheorien, weil sie lange verpönt und totgeschwiegen wurden, heute wieder neuen Reiz besitzen. Ein weiterer Grund liegt in ihrer praktischen Anwendbarkeit, die der chinesischen Sprache und Schrift besonders gemäß ist.

Übersetzungspraxis

            Wurden früher hauptsächlich literarische und philosophische Werke aus westlichen Sprachen ins Chinesische übersetzt, ist es jetzt die Fachliteratur, insbesondere in ihren populärwissenschaftlichen Varianten. Die Buchläden quellen über von Handbüchern und Einführungen in westliche Wirtschaft, Jura, Technik. Auf Straßen und Geschäften und im Fernsehen erscheinen Produktwerbungen für westliche Haushaltsgeräte, Unterhaltungselektronik und Computer. Wie werden diese meist englischen Fachtermini ins Chinesische übersetzt?

Fachtermini

Für eine Sinnschrift wie das Chinesische ist, anders als für eine Lautschrift, die Übernahme ausländischer Bergriffe ein besonderes Problem. Um des anfänglichen Terminologie Chaos Herr zu werden, wurde eine spezielle „Benennungsbehörde zur Übersetzung westlicher Termini gegründet. Grundsätzlich benutzt man die gleichen drei Verfahren, die schon bei der Übertragung buddhistischer Termini angewendet wurden: Erstens eine Übertragung des Lauts, zweitens des Sinns und drittens eine Laut-Sinn-Kombination. Zusätzlich gibt es drei neue Verfahren: Anleihen aus dem Japanischen, Übernahmen in westlicher Buchstabenschrift und – in sehr seltenen Fällen – die Kreierung neuer Schriftzeichen.

Laut-Übertragung

Hier werden Schriftzeichen gewählt, die ähnlich klingen wie der ausländische Begriff:

Nirvana, niepan, 涅磐

Brahmane; boluo 波罗

Disko, disike 迪斯科.

Zur Vermeidung falscher Assoziationen dürfen bei der phonetischen Transkription nur bestimmte, meist selten gebrauchte Zeichen gewählt werden. Ausländische Eigennamen und geographische Bezeichnungen werden in der VR China grundsätzlich phonetisch transkribiert. Kontrovers ist dagegen die phonetische Transkription zentraler Fachtermini aus Wissenschaft und Technik. Der Vorteil dieser Methode ist, dass die Begriffe nur eine einzige Konnotation besitzen, wie dies in wissenschaftlichen Texten sein sollte. Der Nachteil ist, daß sie von chinesischen Lesern, die nur wenig Englisch können, nicht akzeptiert werden. So haben sich im Chinesischen nur wenige phonetische Übersetzungen auf lange Sicht durchgesetzt wie Nirvana oder Disko. Übertragungen mittels westlicher Buchstaben sind noch seltener (z.B. IBM).

Sinn-Übertragung

Im Vergleich zu den phonetischen Übernahmen ist die Sinn-Übertragungsofort verständlich, bildhaft und einprägsam:

Rakete, huojian火箭 (wörtl. Feuer-Pfeil)

CD Rom, guangpan 光盘 (wörtl. Glanz-Teller).

Fax: chuanzhen 传真 (Porträt in der traditionellen chinesischen Malerei)

Ursprünglich phonetisch übernommene Termini wurden oft im Nachhinein durch Sinn-Übertragungen ersetzt:

Libido. Zuerst phon. libiduo 力比多. Dann: xingyu 性欲 (Sex-Begierde;)

credit card, zuerst englisch. Dann: xinyongka 信用卡 (Vertrauens-Karte)

Laut-Sinn-Übertragung

            Die dritte, beliebteste Form ist die Laut-Sinn Übertragung. Hier werden Schriftzeichen gewählt, die ähnlich wie die ausländischen Termini klingen, aber im Gegensatz zur rein phonetischen Transskription gleichzeitig auch einen Sinn ergeben. Wegen der Lautarmut des Chinesischen stehen dem Übersetzer für eine westliche Silbe meist Dutzende von ähnlich klingenden chinesischen Zeichen zur Auswahl.

Medien, meijie 媒介 („Kuppler-Kreise“)

Fans, fashaoyou 发烧友 („Fieber-Typen“).

T-shirt, tixushan 体恤衫 („Sympathie-Hemd“).

Die Laut-Sinn-Übersetzungen eignen sich besonders für Sprachspiele, Witze, Doppeldeutigkeiten, Vielfachkonnotationen.

            In der Werbesprache sind Laut-Sinn Übertragungen besonders beliebt. Die Firma Mercedes Benz wählte zwei Übertragungen, um verschiedene Kundenkreise in Taiwan nd der VR China anzusprechen: In Taiwan appellierte man an das Prestige- und Sicherheitsbedürfnis mit den Schriftzeichen pingzhi 平治, „Überlegene Lenkung“, in der VR China dagegen an den Abenteuergeist benchi 奔驰, „Wilde Fahrt“.

            Während das staatliche Benennungsbüro den Reklame-Textern gewisse Sprachkapriolen zugesteht, möchte man für seriöse wissenschaftliche Texte dagegen die eindeutigere, phonetische Transkription durchsetzen, weil diese in internationalen Fachkreisen üblich sei. Kritisiert wurde beispielsweise die Laut-Sinn Übertragung von „Aids“als aizibing爱滋病(„Liebeskrankheit“). Vorgeschrieben wurde dagegen eine gleichklingende, konnotationsfreie Zeichenfolge (aizibing 艾滋病), was allerdings bislang wenig Wirkung zeigt.

            Ein spezielles Problem sind die in westlichen Fachtexten häufigen Buchstabenkürzel (zum Beispiel EU). Das Chinesische verwendet stattdessen Schriftzeichen-Kürzungen. Wegen der Monosyllabilität der Schriftzeichen sind diese genauso knapp wie die westlichen Buchstabenkombinationen und besitzen den zusätzlichen Vorteil, dass sie einen Sinn ergeben. So wurde das englische „Laser“ (aus: light amplification by stimulated emission of radiation) zuerst phonetisch  übersetzt,laisai 莱塞。Dann wählte der bekannte Physiker Qian Xuesen 钱学森 die 2 Zeichen jiguang 激光 (scharfer Strahl). Der einprägsame Terminus wird inzwischen auch in Kombinationen gebraucht (laser disc: jiguang changpian 激光唱片)

            Die in englischen Fachsprachen üblichen „port-manteau-words“ werden ebenfalls angewandt. Ein chinesisches Beispiel ist die Kreation miandi 面的, ein früheres Pekinger Taxi. Es ist eine Zusammenziehung aus dem ersten Schriftzeichen von mianbaoche 面包车 (Kleinbus) und dixi的士, der kantonesischen Aussprache für engl. „taxi“.

Stilistik

            Die richtige Stilwahl ist besonders wichtig für Gebrauchstexte und Reklametexte im Bereich der Unterhaltungselektronik und im Tourismus. Um das chinesische Publikum für westliche Waren zu interessieren, greift man – wie einst die indischen Mönche – auf die traditionelle chinesische Rhetorik zurück, insbesondere Parallelismen, Kürzungen und Metaphern.

            Heutzutage läßt sich in China eine Wiederbelebung der chinesischen Rhetorik feststellen, sowohl der hohen schriftsprachlichen wie der populären. An den chinesischen Schulen wurde inzwischen der Klassisch-Unterricht wieder aufgenommen. Auch die lange verpönten umgangssprachlichen Räuber- Gespenster und Liebesgeschichten erscheinen wieder in Bestsellerauflagen, in Fernsehserien oder bei Geschichtenerzählern in den wieder neu eröffneten Teehäusern oder in den südlichen Straßentheatern.

            In den obersten Klassen der großen Übersetzer- und Dolmetscherinstitute wird seit kurzem neben der westlichen auch die traditionelle chinesische Rhetorik gelehrt:

Bei den rapiden Fortschritten von Technik und Wissenschaft dürfen wir die Studenten nicht nur mit den neuesten Fachtexten vertraut machen. Wir müssen sie anhand literarischer Texte auch in die englische und chinesische Rhetorik einführen. Dies steigert in hohem Maße ihre übersetzerischen Fähigkeiten und fördert ihre Kreativität, um später in Wirtschaft und Industrie, in der Touristik und Reklame erfolgreich zu arbeiten.

Parallelismen

            Die wohl wichtigste rhetorische Figur ist der klassische Parallelismus (对仗) Er besteht aus Zeilen von meist 4 Schriftzeichen, die parallel oder antithetisch angeordnet sind und einem bestimmten Tonschema folgen. (sizige 四字格) Die Form ist bei der Einsilbigkeit der chinesischen Schriftzeichen dem Chinesischen besonders gemäß, klingt rhythmisch und ist leicht zu behalten.

            Zu Neujahr und zu allen Festen verschicken chinesische Firmen und Familien Parallelsprüche, oft mit verschlüsselten klassischen Anspielungen und in eleganter Kalligraphie. Dies ist etwa so, als würden sich deutsche Filme ihre Weihnachtsgrüße auf Latein schicken. Aber in Wirklichkeit sind die 4-Zeichen Sprüche kein Vorrecht der Gebildeten, sondern sind auch in der Umgangssprache beliebt. Politiker und Volksredner verfallen bei dramatischen Höhepunkten in Parallelismen und in der täglichen Umgangssprache ist die Figur durch unzählige 4-Zeichen Sprichworte vertreten.

            Die Parallelismen klingen rhythmisch, dramatisch und sind leicht zu behalten, ideal für politische slogans und die Reklamesprache. Heutzutage werden über 90 % der Werbetexte in dieser Form abgefaßt. Wenn ausländische Werbung ins Chinesische übersetzt wird, wählt man neuerdings auch diese Form – ähnlich wie dies vor über 1000 Jahren die indischen Mönche taten.

Metaphern

            In der Kulturrevolution war, aus Angst vor politischer Verfolgung, die Metaphorik streng genormt und absolut eindeutig. Die „rote Sonne“ bedeutete Mao Zedong, die der Sonne entgegenstrebende „Sonnenblume“ symbolisierte die Partei. Fisch und Wasser bedeuteten das innige Verhältnis von Volk und Partei.

            Inzwischen sind die Bilder wieder vieldeutig und überraschend, sie enthalten Wortspiele, Rätsel und anzügliche Witze. Man bezeichnet sie mit einem Terminus der traditionellen Rhetorik als “Textaugen“ (ciyan 词眼)。Bildspender sind vorwiegend die buddhistische Religion sowie Räuber- und Liebesgeschichten.

            Ein Beispiel für ein Schriftzeichenspiel ist die Übertragung von englisch „Miss“, xiaomi 小米, wörtl. „kleine Miss“. In China bezeichnet man damit jene meist stark geschminkten jungen Damen, deren Aufgabe es ist, bei Festessen für eine aufgelockerte Stimmung zu sorgen. Für den Laut mi  wählte man das Schriftzeichen „Biene“, also kleine Biene, mit einer zusätzlichen Anspielung auf englisch „honey“, das die gleichen Assoziationen besitzt.

            Rhetorisch besonders einfallsreich ist die Touristikbranche, vor allem die Gestaltung der Speisekarte. In China gibt es nicht nur eine Esskultur, sondern auch eine Speisekartenkultur, wobei die Namen oft beträchtlich von der Wirklichkeit abweichen. Bestellt ein Gast „Löwenkopf“, shizitou 狮子头, erhält er einen gedämpften Fleischklops, mayi shangshu 蚂蚁上树 „Ameisen klettern auf Bäume“ sind Nudeln mit Hackfleisch, bei „Der Drache flirtet mit dem Phönix“ (youlong xifeng 游龙戏凤) handelt es sich um Hummer mit Huhn.

            Hinter manchen Gerichten verbirgt sich eine Geschichte. Das Gericht „Buddha springt über die Mauer“ fo tiaoqiang 佛跳墙, hatte in alter Zeit ein schönes Mädchen so verführerisch duftend zubereitet, dass sogar Buddha über die Tempelmauer sprang, um sein Fastengelübde zu brechen.

            Wie soll man diese Gerichte ausländischen Gästen nahebringen? Eine wörtliche Übersetzung „Löwenkopf“ ist für Ausländer verwirrend, „Klops“ dagegen zu simpel. China ist vielleicht das einzige Land mit einem „Staatlichen Benennungskomitee zur Übersetzung chinesischer und ausländischer Gerichte“. Dem exklusiven Komitee gehören Linguisten. Touristikfachleute, Kochkünstler, Hotelliers, Dichter, Schriftsteller, Historiker und Journalisten an. Die Fachleute schlagen Doppelübersetzungen von Metapher und Realität vor, ferner die von den Buddhisten praktizierte „popularisierende Übersetzung“, etwa in Form einer kulturhistorischen Beschreibung mit einer farbigen Abbildung, die die Gäste als Andenken mit nach Hause nehmen können.

            Umgekehrt müssen auch die neu eingeführten westlichen  Gerichte dem verwöhnten Erwartungshorizont der chinesischen Speisekartenleser angepasst werden. So wurde für den Hamburger „Big Mac“ die Bezeichnung juwuba 巨无霸 kreiert, ein Riesenmonster chinesischer Räuberromane. Für das aus den USA eingeführte Gericht „Maissuppe mit Eidotter“ erfand man das Schriftzeichen-Rätsel fenghuang yumi geng 凤凰玉米羹 „Phönixpärchen-im-Mais Suppe“. Das 1. Zeichen feng „Phönix“ ist auf kantonesischen Speisekarten die übliche blumige Bezeichnung für „Huhn“; das 2. Zeichen huang 凰“Phönixweibchen“ hat den gleichen Laut wie das Zeichen huang 黄, bedeutet also „gelb“ Zusammengesetzt bedeuten die beiden Zeichen „Huhn -Gelb“, also „Eidotter“.

            Sehr beliebt sind vieldeutige Bilder mit einer Mischung positiver und negativer Züge. Eine beliebte Shanghaier Biersorte heißt Tongku  芫賴, wörtlich „schmerzlich-bitter“. Vorbild waren möglicherweise westliche negative Firmennamen,´ wie das Parfum „Opium“. Aber das chinesische Bier ist vieldeutiger und widersprüchlicher. Linguisten, Sprachpsychologen und Soziologen haben die verschiedensten Deutungen vorgeschlagen, ohne zu einer Lösung zu kommen.

            Einmal hat tongku 痛苦 die konkrete Assoziation, daß Bier bitter schmeckt. Andererseits bedeutet das 1. Zeichen tong nicht nur „Schmerz“, sondern in der Verbindung tongkuai 痛快 auch „Freude“. Heißt das, dass nach dem Genuß des Bieres Schmerz in Freude umschlägt? Aber gleichzeitig drängt sich die Verbindung chiku 吃苦 auf, wörtl. „Bitterkeit essen“, d.h. Leiden ertragen. Bedeutet der Name die buddhistische Erkenntnis, dass es in der Welt wenig Freude und viel Leid gibt?

Zwischen Indien und dem Westen

            Betrachten wir die heutige Sprachentwicklung, so scheint das Chinesische der westlichen Invasion keineswegs schutzlos ausgeliefert. Während die Deutschen mit laptop und handy hantieren, gibt es in China viele Eigenschöpfungen.

            Charakterisch für die oft kreative Mischung von Tradtion und Moderne, von Indien und dem Westen ist die Übertragung von „to go into business“, xiahai  下海, das zu einem schillernden Symbolbegriff der heutigen chinesischen Gesellschaft wurde. xiahai  „ins Meer steigen“ besitzt religiöse und weltliche Assoziationen. Es erinnert an die Bodhisatvas, buddhistische Heilige, die auf ihre eigene Erlösung verzichteten und freiwillig ins weltliche Sündenmeer (niehai 孽海)hinabsteigen, um die Menschen zu trösten. Im Shanghai der dreißiger Jahre wurde der Begriff säkularisiert und auf die berühmten Sängerinnen und Tänzerinnen angewendet, die man Bodhisattvas nannte, weil sie im Meer der Sünden die Männerwelt erlösten. Heutzutage bezieht sich der Ausdruck auf jene Frauen und Männer, die mutig den sicheren Hafen verlassen, um sich ins wilde Meer des Geschäftslebens zu stürzen mit Ziel, so heißt es manchmal, ihre Mitmenschen aus Armut und Rückständigkeit zu retten.

Die Verbindung von westlicher und chinesischer Tradition und Rhetorik haben das Chinesische ausdrucksvoller und reicher gemacht. Für Übersetzer wird die Arbeit schwieriger, aber auch interessanter.


[1] Quan Jinwen 全晋文,卷158. Siehe dazu Qian Zhongshu 钱锺书, Guanzhuibian管锥编: 补订重排本。1-4册(共6本),Beijing: 三联书店2000,第四册: 82-93.